steilberghoch

Ultracycling und Alpenpaesse

Trainingslager Lanzarote Tag 5

Wie gestern schon kurz angedacht, lege ich heute tatsächlich schon einen Ruhetag ein. Wie sich herausstellt völlig zurecht, denn ich bin erstaunlich müde. Da tut mir es fast etwas leid, dass der Wind heute so moderat bläst. Es ist nicht so stark bewölkt wie gestern, aber die Temperatur liegt schon so 3° unter dem Schnitt, also eigentlich optimales Trainingswetter.

Ich frühstücke trotzdem eine Schale Müsli, falls es mich doch noch überkommt, fahre dann aber tatsächlich mit dem Auto, nicht mit dem Fahrrad los. Ich fahre hinauf zum Mirador del Rio, der macht gerade erst auf, und frühstücke einen Cafe con leche und ein Croissant mit Schinken und Käse. Selbst mit Eintritt ist das noch moderat bepreist, dabei ist die Aussicht auf La Graciosa eigentlich unbezahlbar.

La Graciosa vom Mirador del Rio aus betrachtet

Ich fahre meine Höhenmetersammelstrecke ab, und muss dabei feststellen, dass die Anstiege im Auto viel steiler erscheinen als auf dem Rad.

Da ich tanken muss versuche ich herauszufinden, was der kleine Corsa denn trinken möchte. Ich bin eigentlich fest davon ausgegangen, dass ich einen Diesel fahre, weil das Ding so rau läuft, aber im Tankdeckel steht E5 und E10, das liest sich ja eher wie Benzin.

Ich fahre an die Tankstelle, gucke ob es bei Dieselkraftstoff auch E5 und E10 gibt, sieht nicht so aus, also rein mit dem leckeren Super Benzin. Wenn’s falsch war werde ich es merken…

Ich komme aber klaglos bis zum Hotel und packe mein Fahrrad ins Auto. Ich hatte nämlich kurz bei Free Motion angerufen wegen der Schaltung. Als ich der netten Dame am Telefon mitteile „the shifting performance is so lala“ lacht sie sich halb tot und meint komm vorbei. Sooo lustig ist der Ausdruck nun wirklich nicht, aber ich mache mich auf den Weg nach Puerto del Carmen.

Der Mechaniker bestätigt meinen Eindruck, versucht es erst mit Einstellen, und nachdem das ohne Erfolg bleibt, wechselt er den Schaltzug. Allerdings so richtig geil schaltet das Ding dann immer noch nicht. Er meint, dass es auch ein bisschen an der Kabelführung des innenverlegten Zuges beim BH Quartz liegt. Hm, ich gebe mich erst mal damit zufrieden. Hoffentlich bereue ich das die nächsten Tage nicht.

Da ich schon mal hier bin, lasse ich den Tag in Puerto del Carmen bei Cafe con leche ausklingen, und schaue noch ein bisschen sinnlos auf’s Meer.

Dabei muss ich an 2018, meinen letzten Besuch hier denken. Damals hatte ich eine ganz gute erste Woche, mit Fotosessions mit Katrin für ein Buchprojekt, und entspanntem Radfahren. In der zweiten Woche dann bin ich mental komplett zusammengeklappt und wäre während der Fahrt am liebsten vom Rad gestiegen und hätte mich gerne einfach irgendwo in den Graben zum Schlafen gelegt.

Ob das wirklich am RAAM 2017 lag, am Kampf um das Buch, dass ich gerne exakt nach meinen Vorstellungen gehabt hätte, und wo ich widerwillig Kompromisse eingehen musste, oder an irgendwas anderem weiß ich nicht. Jedenfalls hat es bis weit in 2020 gedauert, bis ich wieder ein halbwegs normales Energielevel hatte.

Der größte Faktor war wohl, dass ich das Maximale, was ich mir als Ziel setzen konnte, nicht nur versucht, sondern sogar erreicht habe, und dass der Effekt nicht ein „relaxtes Zurückblicken“ war, wie ich mir das vorher so ausgemalt hatte, sondern eine große Leere, ja fast eine Identitätskrise.

Ich habe bis 2009 niemals meine hauptsächliche Tätigkeit mit meiner Selbstidentifikation in Verbindung gebracht. Will heißen, während meiner Lehrzeit war ich nicht der Azubi, sondern ich der diesen Beruf lernt, während meinem Studium am MGH war ich kein Musiker, sondern ich, der sich eben mit Musik beschäftigt, während meiner Zeit als IT-Admin nicht der Admin, sondern ich der halt eben als Admin arbeitet. Meine Interessen sind viel zu breit gefächert, als dass ich mich z.b. auf eine berufliche Tätigkeit reduzieren lassen würde.

Aber ab 2009 nach meiner spektakulären Radreise durch GB und Irland, habe ich mich als Reiseradfahrer gefühlt und identifiziert. Selbst noch bis zum RAAM 2014. Erst mit dem Race Around Ireland habe ich mich dann als Ultracycler identifiziert. Und auch so gefühlt. Diese Identifikation hat mir überhaupt erst die Kraft und den Fokus gegeben für das Training und RAAM 2017.

Nachdem sich dann abgezeichnet hat, dass ich es körperlich und finanziell nicht mehr riskieren kann Ultracycling zu betreiben, hat mich das wirklich in eine Identitätskrise gestürzt. Es gab kein Ziel mehr zu erreichen und die emotionale Bindung zum Erreichten ist verblasst. Alles was noch kommt ist nur Zugabe, aber es gibt auch nichts, was mir auf diesem Niveau Energie gibt, was mich antreibt, umtreibt, fordert. Daher wird mein nächstes Projekt nicht sportlicher Natur sein, sondern eine Rückbesinnung auf meine „Reiseradler Identität“.

Somit hat dieses Projekt, das eigentlich seinen Ursprung in der Idee hatte einen Freund für mehr Bewegung und Sport zu motivieren, einen neuen Zweck bekommen. Durch Corona und private Umstände ist es noch im Fluss. Aber egal mit wieviel Fahrern und welchem Ziel, am 01. Juni 2022 stehe ich am Start. Bald werdet ihr hier im Blog ein bisschen an den Vorbereitungen teilhaben können.

Jetzt aber ist es genug mit dem Sinnieren, morgen geht’s wieder auf’s Rad. Der Plan lautet nicht ganz so lange zu fahren, dreieinhalb bis vier Stunden vielleicht, aber dafür etwas intensiver. Ausgeruht sollte ich durch die Pause heute sein, und muss ich auch sein, denn das wird der Auftakt für einen fünfer Block bis zum nächsten Ruhetag.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2024 steilberghoch

Thema von Anders Norén