steilberghoch

Ultracycling und Alpenpaesse

Trainingslager Lanzarote Tag 8

Nach dem Aufwachen durchzuckt mich kurz der Gedanke heute ein KH-nüchtern Training zu machen. Gestern habe ich nach dem Abendessen nochmal einen richtigen Fressflash bekommen und eine komplette Packung Kekse gekillt. Das schlägt sich einerseits im heute leicht erhöhten „Systemgewicht“ nieder, andererseits ist mein Bauch immer noch so voll, dass ich kaum frühstücken mag.

Allerdings melden sich die Beine und signalisieren „keine gute Idee“. Ich höre auf die Muskeln und nicht auf den Magen, frühstücke normal und sitze, zur gewohnten Zeit auf dem Rad. Das Blog schreiben gestern hat nur mit viel Cafe con leche funktioniert, so dass ich nicht gut einschlafen konnte. Viereinhalb Stunden Schlaf sind aus sportmedizinischer Sicht natürlich nicht so optimal, aber da helfen mir wohl die Ultracyclinggene, jedenfalls fühle ich mich halbwegs gut.

Schon allein wegen der Knie steht heute nur Grundlage G1 und G2 auf dem Programm. Das Wetter ist besser geworden, weniger Wolken als die Tage zuvor, und die hängen auch nur am Famara Gebirge. Obwohl ich im Prinzip nach Süden fahren möchte, fahre ich erstmal ein Stück nach Norden auf der LZ-1a gegen den Wind. So bleibe ich etwas flexibler in der Streckenwahl, bzw. Dauer (geplant sind fünf bis fünfeinhalb Stunden), außerdem muss ich nicht gleich Steigungen mit zweistelligen Steigungsprozente berghoch fahren.

Mit dem typischen lahmen „gegen den Passatwind Tempo“ arbeite ich mich bis zum Abzweig nach Teseguite, und biege dann links ab. Zunächst habe ich jetzt Seitenwind, doch die Straße dreht immer mehr, so dass ich bald einigermaßen Rückenwind habe, und bei weiterhin G1 Leistung, etwas lockerer rollen kann.

So komme ich mit solidem Speed in Teguise an und fahre die LZ-30 weiter in Richtung Süden. Bergab fahre ich diesmal massiv gegen die Bremse, so dass ich die Leistung trotz Bergabfahrt und Rückenwind fast im G1 Bereich halten kann.

Nach dem Abbiegen auf die LZ-402 in Richtung Caleta de Famara, wie an Tag 4, stellt sich das Problem nicht mehr. Im Gegenteil, der heftige Wind verlangsamt die Fahrt massiv. Heute kommt der Wind etwas ungünstiger als bei der ersten Fahrt hier, dafür hängen die Wolken dramatisch über dem Famara Gebirge, was ich versuche fotografisch festzuhalten.

In Caleta de Famara verfahre ich mich doch tatsächlich, aber nach einem extra Carré finde ich auf meine Lieblingsstraße, die LZ-410, und versuche die Fahrt zu genießen. Die Beine sind noch nicht „frei“, so dass ich einfach im G1 bleibe, auf halber Strecke aber lege ich, ohne es zu merken, etwas zu und fahre so unbewusst mein erstes G2 Intervall.

Das tut den Beinen ganz gut. In Soo biege ich wieder auf die LZ-401, fahre also nicht weiter an der Küste entlang, sondern wieder in Richtung Inselinneres. In Tiagua muss ich links abbiegen, ein Landrover kommt etwas schnell von rechts. Offensichtlich hatte er das Gefühl ich hätte ihm die Vorfahrt genommen. Er fährt neben mich und ruft mir zu „your are risking your life!“. Ich denke eher „he is risking my life“, immerhin ist er ja zu schnell gefahren. Hätte mir allerdings auch nix genützt. Dabei war die Situation aber gar nicht irgendwie knapp.

Anyway, ich nutze den Anlass um über die Situationen zu sinnieren in denen mein Leben (oder zumindest meine Gesundheit) wirklich in Gefahr war auf dem Rennrad, da fallen mir nur dreieinhalb ein. Der Sturz 2011 am Pico Veleta, das war wirklich knapp, der Sturz beim Peak Break auf dem Weg zum Kitzbüheler Horn, als mir ein anderer Fahrer in der Abfahrt bei deutlich über 70 Km/h das Vorderrad weggesäbelt hat. Dann wäre da noch der Lieferwagenfahrer der mich beim Trainig absichtlich brutal geschnitten hat, mega knapp. Den hätte ich gerne zur Verantwortung gezogen. Ok, die Lieferwagenfahrer einer speziellen Nationalität in London, die würden dich auch einfach umfahren, das ist echter Überlebenskampf, zählt aber nicht, da Reiserad Achja, der Autofahrer beim Schweizer Radmarathon, der mir in die Augen guckt und dann direkt vor mir aus der Ausfahrt rausfährt, während ich mit 40 oder 50 Km/h in Zeitfahrhaltung vorbeirausche, wahrscheinlich meine beste Reaktion auf dem Fahrrad überhaupt. Puh, mir fallen immer mehr Situationen ein, ich wechsle das Thema…

Mittlerweile habe ich auch das Monumento del Campesino erreicht und biege wieder ab nach Süden. Die Fahrt führt jetzt mit Rückenwind durch das große Weinanbaugebiet.

Mein Getränk ist ja nicht so sehr Wein, sondern eher ISO-KH Getränk. Das war mir gestern ausgegangen, so dass ich abends im Decathlon in Arrecife nochmal Nachschub holen musste. Natürlich haben die nicht mein geliebtes Sponser Competition, so dass der erste Schluck des „fremden“ ISO Getränks heute richtig spannend ist. Hm, schmeckt erstaunlich künstlich. Aber trinkbar. Hauptsache Energie und Elektrolyte.

Ich fahre nun wieder eine Weile auf der LZ-30 und biege dann ab in Richtung Tinajo und Timanfaya. Die Strecke bis zum Abzweig nach Timanfaya zieht sich etwas, die hatte ich gar nicht so lange in Erinnerung. Vor allem fahre ich die sonst meist bergauf. Bergab macht sich der teils wirklich brutale Straßenbelang in Mancha Blanca unangenehm bemerkbar.

Aber auch dieser Abschnitt geht vorbei, und so biege ich endlich auf die LZ-67 in den Timanfaya Nationalpark ein. Top Straße mit solidem Rückenwind. Die Beine kurbeln etwas schwerer als das letzte Mal, aber immer noch ok. Diesmal ist die Schlange vor dem Eingang nicht hundert Autos in jede Richtung lang, sondern fünf insgesamt.

Tangiert mich nicht, ich fahre dran vorbei und es geht in die einzige größere Steigung der Strecke. Anschließend kann ich wieder Gas geben in Richtung Yaiza. Auch hier fahre ich wieder gegen die Bremse um nicht ganz aus dem G1 Leistungsbereich rauszufallen.

Ich fühle mich immer noch ganz brauchbar und überlege welche Route ich ab Yaiza nehme, jetzt schon zurückzufahren würde für die angestrebte Dauer nicht reichen, bis Playa Blanca ganz im Süden wäre vielleicht etwas zu weit, und mir würden die Getränke ausgehen.

Ich entschließe mich an den Küstenabschnitt ab El Golfo zu fahren und von dort dann auf die parallel zur LZ-2 führende Straße, und doch bis Playa Blanca durchzuziehen. So fahre ich die LZ-2 bis zu einem riesigen Kreisel, und biege dann entsprechend ab. Die Strecke in Richtung El Golfo ist endlich mal etwas weniger belebt. Einsam ist es hier auch nicht, aber nur vereinzelt fahren Autos in diese Richtung.

Am Abzweig nach El Golfo ist das Schild in die anderer Richtung überklebt. Hm, egal ich fahre erst mal weiter. Ein toller Küstenabschnitt mit zwei großen Surferbuchten, immer wieder einem Blick auf das wilde, blaue Meer und zerklüftete Lava Küste, außerdem ganz ordentlicher Straßenbelag.

Leider komme ich nicht so richtig weit und werde von einer Vollsperrung der Straße gestoppt. Die ist auch wirklich so angelegt, dass ich absteigen und das Rad drüberheben müsste. Mache ich natürlich nicht, abgestiegen wird erst wieder im Hotel. Wenn ich irgendwas nicht leiden kann, dann ist es während einer Ausfahrt stehen zu bleiben. Allerdings wird die Sperrung wohl auch einen Grund haben, so dass es womöglich sowieso nicht klug wäre dort lang zu fahren.

Ich muss also wieder zurück. Gegen den Wind und berghoch. Das geht etwas besser als gedacht, allerdings verwerfe ich den Plan parallel zur LZ-2 bis Playa Blanca zu fahren, sondern nehme die Abkürzung über Las Brenas. Das bedeutet zwar steilberghoch zu fahren, aber eigentlich fühle ich mich immer noch gut, und die 18% Steigung hoch nach Femes am Ende müsste ich auch von Playa Blanca aus überqueren.

So kann ich meine Knie nicht 100%ig schonen, und nehme vorsichtshalber ein Gel um nicht leer zu laufen, denn momentan rechne ich schon mit eher deutlich fünfeinhalb als fünf Stunden am Ende.

Die Strecke über Las Brenas wird von Radfahrern nicht so häufig gefahren, ich bin hier aber schon öfter gewesen, und finde auch den Weg einigermaßen wieder. Zunächst habe ich Gegenwind, dann, im steilsten Abschnitt von um die 11% setzt der Wind aus, kein Gegen- und kein Rückenwind. Die Sonne kann sich also voll entfalten, es ist das erste mal, dass ich auch an den Armen ins Schwitzen komme.

Oben angekommen geht es bei Gegenwind zunächst leicht, dann steiler bergab. Mental bereite ich mich auf den nun kommenden brutalen Anstieg vor. Meine Abfahrt endet in einem Kreisel, ich mache schnell noch ein Foto, gleich wird das nicht mehr gehen, da brauche ich beide Hände am Lenker.

Ich muss dann tatsächlich feststellen, dass da ein „Fahrräder verboten“ Schild steht. Ich halte das für so absurd, dass ich natürlich weiterfahre, denn Autos fahren an dem Anstieg, dann sollte ein Fahrrad wohl auch auf die Straße passen.

Es sind erstaunlich viele Autos unterwegs, so versuche ich trotz gleich auf 14% anziehender Steigung, diszipliniert zu fahren, und nicht zu viel Straße in Anspruch zu nehmen. Ein Transporter überholt mich und die Insassen feuern mich an, zwei anderen Autofahrern gefällt mein Auftritt eher nicht und die hupen mich etwas genervt an.

Die Straße ist wirklich steil, die Erholungsphasen haben ca. 12 % Steigung, und der erste Teil dürfte so einen Kilometer lang sein, dann kommt eine scharfe Rechtskurve und die Staße zieht teils bis auf 18% an.

Ich mache mir einzig Sorge um meine Knie, vor allem das rechte, allerdings habe ich nicht viel Zeit darüber nachzudenken, ich kämpfe mit dem Anstieg. Es ist sauanstrengend, aber letztlich geht der Anstieg vorbei, und ich konnte keinen Grund sehen, warum die Straße für Radfahrer gesperrt sein sollte.

Oben in Femes angekommen könnte man schön einen Kaffee trinken und in Richtung Fuerteventura schauen, aber ich habe noch anderthalb Stunden Training vor mir. Auf der folgenden kleinen Hochebene habe ich sofort soliden Gegenwind, kann jetzt aber auf eher flacher Strecke (mit einigen Gegenanstiegen) die Leistung gut dosieren. Schließlich führt eine steile Abfahrt zum Kreisel mit den Kamelen bei Yaiza, und ich biege wie an Tag 4 auf die LZ-30 ein und fahre gegen den Wind durch das Weinanbaugebiet zurück.

Bis jetzt bin ich mit meinen drei Flaschen ganz gut zu Rande gekommen, heute wird es aber knapp werden. Noch habe ich aber ein paar Schlucke von meinem neuen ISO-KH Getränk. Die Strecke ist mir vertraut, gefällt mir aber immer wieder auf’s Neue. Es gibt zwei größere und einen kleineren Anstieg zu bewältigen, diese schützen kurzzeitig etwas gegen den Wind. Ich fahre vorbei am Abzweig nach Timanfaya, wo ich eben eingebogen bin und lasse bald Masdache hinter mir. Mittlerweile sind fünfeinhalb Stunden rum und ich habe die allerletzten Reserven aus den Trinkflaschen gesaugt.

Ich beschließe zum Monumento del Campesino zu fahren und dann nach San Bartolome abzubiegen, so spare ich mir den langen, geraden Anstieg gegen den Wind hinein nach Teguise.

Allerdings fahre ich eine Abfahrt zu früh nach San Bartolome und muss noch durch den ganzen Ort gurken, um auf die LZ-34 zu gelangen. Langsam merke ich die Anstrengung und der Wind nervt nochmal etwas hier auf der LZ-34 bis die Straße dreht, und sich die Situation entspannt. Zur Belohnung gibt es noch einen schönen Blick auf Arrecife, bevor eine etwas wacklige Abfahrt bei böigem Seitenwind hinunter nach Tahiche führt. Vorbei am wirklich coolen Haus und Museum von Manrique.

Im Kreisel muss ich mir nochmal kurz mit Nachdruck auf meine Vorfahrt bestehen, dann geht es in den letzten immer etwas nervigen Anstieg. Hier ist man mental schon im Hotel, dabei stellt sich der Passatwind nochmal garstig entgegen, und berghoch geht es auch.

Als ich die Steigung endlich hinter mir habe, reißt es mir kurz am Vorderrad, hat das jetzt gerade Luft verloren, habe ich einen Platten? Ich fahre erst mal weiter, jetzt in der Abfahrt kommt der Wind eh böig von der Seite, das fühlt ich immer so an, als ob man einen Plattfuß hat. Ich fahre trotzdem vorsichtshalber nur 30 Km/h.

Unten angekommen, merke ich allerdings, dass der Vorderreifen tatsächlich Luft verloren hat, der Reifen bleibt aber auf der Felge. Er scheint sogar noch ein bisschen Luft zu haben. Jedenfalls fahre ich weiter, muss ein bisschen balancieren, schaffe es aber noch bis ins Hotel. Den Reifen kann ich dann nachher in Ruhe flicken, jetzt muss ich erst mal essen und trinken.

Es sind doch fast sechs Stunden geworden. Etwas mehr als geplant, aber noch im grünen Bereich. Die Knie haben auch die 18% Steigung weggesteckt, sitzen kann ich auch noch. Ich hatte den Sattel gestern noch leicht nachjustiert und die Schuhe gewechselt, dass hat offenbar geholfen.

Morgen werde ich das Training zweiteilen und soweit möglich nur im G1 Bereich bleiben. Vielleicht fahre ich den ersten Teil KH-nüchtern und mache dann ein kleines Carboloading bei Kaffee und Kuchen in Playa Blanca…

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