steilberghoch

Ultracycling und Alpenpaesse

Trainingslager Lanzarote Tag 7

Für heute habe ich mir Höhenmeter sammeln auf’s Programm geschrieben, außerdem EB Intervalle, bei einer Gesamttrainingsdauer von ca. viereinhalb Stunden. Da bietet sich das Famara Gebirge natürlich an, also bleibe ich wieder im Norden der Insel.

Ich lasse mich auch nicht vom Wetter abschrecken. Der Passat Wind ist heftig, es ist bewölkt und heute Nacht hat es sogar etwas Niederschlag gegeben. Auch jetzt sieht es etwas nach Regen aus. Allerdings ist Lanzarote Regen meist harmlos, aber in Verbindung mit heftigem, böigen Wind, wie er oben auf dem Bergkamm zu erwarten ist, kann das auf dem Rad trotzdem unangenehm sein.

Ich habe aber keine Lust meinen Plan zu ändern, und fahre über Tahiche und Nazaret nach Teguise. Bedeutet ich muss auf der Avenida de las Palmas quasi einen Vulkankegel früher links abbiegen als die Tage zuvor, um in Richtung Inselmitte zu fahren.

Das wird gleich mit einer ordentlichen Steigung bestraft. Der Wind rüttelt hier schon heftig am Rad, während ich versuche erstmal im G1 zu bleiben, und den bis auf 11% anziehenden Anstieg hinauf krieche. Allerdings gibt es oben auch eine kleine Belohnung, nämlich einen schönen Ausblick auf Arrecife!

Auch bis Nazaret und schließlich Teguise geht es nur langsam voran, weil jetzt der Wind frontal kommt. Für Lanzarote Verhältnisse ist das Wetter schlecht, und ich überlege, was das für den Verkehr bedeutet, denn in der Sonne liegen fällt heute definitiv aus. Ich sehe bis jetzt nur zwei Wanderer, und die sind dick eingemummelt in Outdoorjacken, die ich nicht mal im Winter tragen würde. Bleiben die Leute also im Hotel, oder besichtigen die alle die Manrique Museen?

Ich fühle mich trotz des etwas garstigen Wetters wohl in kurz/kurz. Gleich kommt eh das erste EB Intervall, da brauche ich über die Temperatur nicht mehr nachzudenken. Von Teguise aus fahre ich über die LZ-10 in Richtung Norden und Mirador del Rio, also umgekehrt wie die Tage zuvor.

Zwar kenne ich die Strecke von meinen vorherigen Lanzarote Aufenthalten, aber es ist trotzdem mal eine Abwechslung, vor allem kann ich die Steigungen beim Bergauffahren viel besser einschätzen. Ich bin etwas überrascht wie entspannt es sich bis Los Valles fahren lässt. Eigentlich konnte ich die ersten zwei EB Intervalle ganz gut unterbringen. Nur geht es dann weiter bergauf, so dass ich nicht wirklich locker im G1 weiterfahren kann, sondern halt etwas für das Fortkommen schuften muss.

Mittlerweile bläst der Wind auch für hiesige Verhältnisse heftig, und ja es fängt tatsächlich leicht an zu regnen. In Deutschland würde so einen Regen keiner bemerken, hier im ariden Klima der Kanaren ist das ein Ereignis.

Ja, echte Regentropfen auf dem Lenker!

Durch die etwas dramatisch über dem Famara Gebirge liegenden Wolken, den leichten Regen und den brutalen Wind, spüre ich auf dem Rad die Natur mit allen Sinnen (fast allen, das olfaktorische bleibt mir leider verwehrt). Bis jetzt bin auch der einzige Radfahrer unterwegs, und auch kaum andere Fahrzeuge sind auf der Strecke, trotz Anstieg bei Gegenwind ist das einfach nur geil.

Der Anstieg zieht sich länger als gedacht, vorbei am Windpark, und der Sternwarte, dann geht es aber in die Abfahrt und mir begegnet der erste Rennradler. In der Abfahrt fährt ein Auto vor mir, normalerweise würde ich mir das vor der ersten Serpentine schnappen, aber es ist etwas zu schnell, und der Wind ist zu heftig, so stecke ich etwas zurück. Auf den Geraden fährt er mir eh davon, also kann ich trotzdem etwas Druck auf dem Pedal lassen.

In Haria biege ich ab in den nächsten Anstieg. Dabei fahre ich an einem Cafe vorbei wo ich unbedingt mal einen Cafe con leche trinken muss. Das nehme ich mir schon seit meinem ersten Lanzarote Aufenthalt vor, irgendwie ist es nie dazugekommen.

Anyway, ich genieße jetzt erst mal den Anstieg. Der ist zunächst nicht so steil, so dass ich ein weiteres EB Intervall setze, allerdings ist er doch kürzer als gedacht und es geht schon wieder steil bergab nach Maguez, Mist, jetzt bin ich schon so oft hier lang gefahren und verschätze mich immer noch. Egal, nächstes Intervall wird gestartet aus Maguez heraus. Der Anstieg reicht definitiv von der Länge, allerdings ist der Straßenbelag anfangs sehr grob, passt aber zum heutigen Thema „Naturerlebnis“. Ich muss an das Race Around Ireland denken, schlechte Straßen und viel Wind…

Die Straße klappt gegen Ende des Anstiegs nochmal richtig hoch, so dass ich auf dem Radcomputer die 15% sehe. Dazu noch etwas Gegenwind, vor einem Jahr wäre ich wahrscheinlich diesen Berg nicht hochgekommen…

Dafür geht es auf der anderen Seite ähnlich steil bergab, so dass ich recht schnell das Ortsschild von Ye erreiche und links auf die schmale LZ-202 abbiege. Bei diesem Wetter eigentlich nicht so clever, hier kann es einen echt von der Straße wehen, der Wind peitscht an der Kante des steil abfallenden Berges, einem der höchsten Punkte des Famara Gebirges, brutal über die schmale Straße.

Allerdings fahren nur vereinzelt Autos, und die fahren meist extrem langsam, weil sie die Aussicht bestaunen (bzw. die Fahrer staunen, nicht die Autos). Die Straße sieht steiler aus als sie sich fährt, der Wind rüttelt kräftig am Rad, aber alles problemlos, berghoch bin ich ja eh langsam und eigentlich hatte ich es mir sogar schlimmer vorgestellt. Hier oben ist es schon recht frisch, aber ich fühle mich trotzdem super, die Leute die vor Wind und Kälte geschützt in den Autos sitzen, und durch die Scheiben hinunter auf La Graciosa schauen tun mir fast leid, die mussten ohne Anstrengung hier hoch fahren und spüren nichts von dem was hier abgeht. Ich genieße die etwas widrigen Bedingungen aus vollen Zügen.

Am Mirador del Rio angekommen fahre ich keine Runde um das kleine Monument davor, sondern biege ab und fahre weiter auf der Straße, die nun die Richtung nach Süden wechselt, es ist vor dem Eingang schlicht zu voll, Autos und Busse verstopfen die Strecke.

Zunächst geht es bei Rückenwind bergab zurück nach Ye. Der Wind kommt unangenehm böig, ich habe erhebliche Mühe die Kontrolle über das Rad zu halten. Dann biege ich nach Südosten ab auf die LZ-201. Ich kann zwar etwas Tempo aufnehmen, aber die Fahrt ist abenteuerlich, der böige und heftige Wind von der Seite macht es fast unmöglich das Rad auf der Straße zu halten, ich muss Tempo rausnehmen.

Im unteren Teil kommt der Wind wieder mehr von hinten und ich kann etwas Gas geben. Dann ist der Spaß vorbei und ich biege auf die LZ-1 in Richtung Orzola ein. D.h. es geht voll gegen den Wind. So kurbele ich mit 16 km/h bei 200 Watt vor mich hin.

Auch wenn der Wind heftig ist, und sich mir vehement entgegenstellt, kann ich doch den flachen Abschnitt nutzen um etwas vor mich hin zu denken. Dabei nehme ich das an die Küste brandende Meer, die raue Vulkanlandschaft und den guten Straßenbelag nebenbei immer wahr. So meditiere ich mich bis Orzola.

Mittlerweile bin ich drei Stunden unterwegs. Nun folgt der nächste Anstieg, die LZ-203 von Orzola bis zur Kreuzung an der 201, die ich eben gerade bergab gefahren bin. Ich versuche immer gut im G2 Bereich zu bleiben und an den steilen Stellen noch etwas zuzusetzen. Dank der Unterstützung des Rückenwindes passt das mit meinem derzeitigen Leistungszustand ganz gut zusammen. Ich wünschte mir fast die Radlerin vom zweiten Tag als bewegliches Ziel vor mir, heute würde ich sie wahrscheinlich einholen können. Aber auch ohne „Hasen“ macht die Strecke Spaß, die Beine sind noch ok, und so dauert es nicht zu lange, bis ich wieder auf der LZ-201 angelangt bin und bergab kurz durchschnaufen kann.

Allerdings kann ich die Konzentration nicht schleifen lassen, da nach wie vor der Wind böig von der Seite bläst. Im letzten Teil kann ich es dann wieder rollen lassen, und mit 120er Trittfrequenz bergab geißeln.

So fahre ich mit Rückenwind bis zum Kreisel vor Arrieta und biege dann in die nächste Steigung ab, hinauf nach Haria. Da meldet sich das linke Knie, aber heftig. Mist, vielleicht habe ich in dem letzten Anstieg doch etwas überzogen? Oder mochte es die hohe Trittfrequenz nicht? Kurz ärgere ich mich etwas, dass dieses verdammte Knie, das mich immer wieder davon abhält einfach mal ohne Vorsicht die volle Leistungsfähigkeit des restlichen Körpers zu genießen, kurz werfe ich ihm noch vor, dass es mir ein gutes Ergebnis beim RAAM 2014 versaut hat, dann komme ich wieder runter, dosiere etwas vorsichtiger, und nehme mir vor den Anstieg nur im G2 zu fahren, dann wird’s schon.

Bis auf einige wenige, etwas steilere, Stellen im ersten Teil, und dem Schlussabschnitt bei wieder heftigem Gegenwind, geht mein Plan auf, das Knie meckert kaum. Oben angekommen geht es durch Haria hindurch, und wieder auf die LZ-10, in den Anstieg über die fünf Serpentinen zum Mirador Los Helechos und weiter, vorbei an der Sternwarte. Also die Strecke zurück, die ich heute morgen aus Richtung Teguise gefahren bin. Allerdings nun bei kurzzeitig etwas besserem Wetter.

Auch diesen Anstieg fahre ich nur noch im G2 Bereich um das Knie etwas zu schonen. Oben angekommen merke ich, dass der Wind gar nicht wirklich nachgelassen hat, es hatte sich nur so angefühlt, weil er im Anstieg meist von hinten kam. Nun in der Abfahrt kommt er teils garstig böig von der Seite. Ich fahre eigentlich gar nicht so schnell, trotzdem verliere ich zweimal fast die Kontrolle über das Fahrrad. Es fühlt sich an als ob ich hinten einen Platten hätte, habe ich aber nicht. Was mir die ganze Zeit Spaß gemacht hat, von wegen die Natur spüren und so, nervt mich nun etwas, und so eiere ich hinunter, vorbei am Windpark, bis zu den Serpentinen bei Los Valles.

Hier normalisiert sich das Fahren wieder. Und so kann ich Tempo aufnehmen und die vorletzte Steigung für heute in Angriff nehmen. Mit Rückenwind geht es hinauf nach Teguise. Meinen Plan heute zum Abschluss das Castello hochzufahren muss ich aber verwerfen, dass würden mir die Knie nicht verzeihen, denn mittlerweile hat sich auch das rechte mal kurz gemeldet.

So fahre ich von Teguise aus weiter nach Nazaret und Tahiche, allerdings nehme ich mir die ganze Straßenbreite, da auch hier der Wind wild am Lenker reißt, und ich den Autos klar signalisieren möchte, dass sie mit großem Abstand überholen sollen.

Dann folgt der letzte kleine Anstieg, bei heftigem Gegenwind kämpfe ich mich nochmal berghoch. Das geht auch noch ganz gut, aber die folgende steile Abfahrt, vorbei am Golfplatz und dem immer geschlossenen Aquapark ist abenteuerlich. Ich weiß nicht ob der Wind nochmal böiger kommt, oder ich einfach durch die Anstrengung etwas Konzentration verloren habe. Aber selbst bei gemäßigtem Tempo ist das Rad kaum zu kontrollieren, gemein ist es vor allem wenn du schräg im Wind liegst und der plötzlich aufhört zu blasen, du gerade noch gegensteuern kannst und in dem Moment wieder eine brutale Böe einsetzt, die dich fast in den Straßengraben wirft. Ich gebe auf und bremse richtig runter und rolle mit 25 km/h die restlichen Meter bis zur Avenida de las Palmeras und segle dann die letzten Kilometer mit Rückenwind ins Hotel.

Interessante Einheit. Die 2000 Höhenmeter Marke konnte ich wie geplant knacken, das Erlebnis von Wind und Wetter im heute wild wirkenden Famara Gebirge in vollen Zügen genießen, und dabei die geplanten Trainingsinhalte umsetzen. Sehr cool. Am Schluss ging mir der heftige Wind allerdings etwas auf den Zeiger.

Morgen werde ich dann nur Grundlage fahren, und das Famara Gebirge meiden, damit spielt der Wind nicht eine so große Rolle, zumindest was das Überleben auf der Straße betrifft…

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2022 steilberghoch

Thema von Anders Norén