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Ultracycling und Alpenpaesse

Lanzarote trainingslager Tag 1

Vor einigen Monaten bin ich noch davon ausgegangen, dass die meisten Menschen keine vierte Welle brauchen um zu verstehen wie die Pandemie gestoppt werden kann. Daher hatte ich mutig zwei Wochen Lanzarote gebucht.

Nicht als echtes Trainingslager, sondern einerseits als Ziel um bis dahin die 80 Kg Marke zu erreichen, und zum anderen als Stütze um im Winter nicht wieder gleich mit dem Gewicht hochzuschießen.

Das hat erstaunlich gut funktioniert. Zwar war es etwas knapp mit 79,95 Kg am Tag des Abflugs, aber das war tatsächlich ein Ausreißer nach oben, ich liege momentan eher noch ein bis zwei Kg drunter. Somit hat sich die Investition schon gelohnt, denn wie bei Fluggesellschaften üblich, musste ich den Flugpreis schon bei Buchung zahlen, ohne Rückerstattungsmöglichkeit.

Ich habe schon etwas gezögert die Reise anzutreten, aber die Situation ist auf Lanzarote ja besser als zu Hause, und ich bin natürlich von einem sinnvollen Hygienekonzept bei Condor und am Flughafen ausgegangen.

Nun, für jemanden der beruflich Kontakt zur Reisebusbranche hat, war das dann eher schockierend. Am Flughafen noch alles irgendwie ok, aber schon im Shuttle Bus alles dicht gedrängt. Und auch im Flugzeug, gibt es Abstände nur für die „Business Class“, deren einziger Vorteil der freie Mittelsitz ist. Wenn man sich dann die Regeln für Reisebusse anschaut, die ja durchaus sinnvoll erscheinen, stellt sich die Frage wie die Regeln im Flugzeug zu Stande kommen.

Wie auch immer, ändern konnte ich nichts, bleibt nur das Beste daraus zu machen. Das eingezwängte Sitzen beim Fliegen macht mir zwar keinen Spaß, aber nach 5 Stunden ist es überstanden und ich kann entspannt mein Auto am Aeropuerto Arrecife abholen. Gepäck habe ich erstmals bei einem Trainingslager nur einen Koffer, da ich mir ein Rad gemietet habe.

Nach dem Einchecken im angeblichen 4* Hotel, in das ich upgegraded wurde, da das gebuchte „aus Gründen die das Hotel nicht zu verantworten hat“ geschlossen ist. Mir egal, ich brauche nur ein Bett zum Schlafen und einen Platz für das Fahrrad. Aber als vermeintliches Goodie gibt es Halbpension dazu. Ist mir gar nicht so recht. Im Hotelbunker auch noch jeden Abend essen ist nicht so meins, und jetzt habe ich immer ein schlechtes Gewissen, weil ich irgendwo hingehe essen und eigentlich schon ein gutes Abendessen „bezahlt“ habe, ist das nicht Verschwendung?

Ich werde es heute Abend ausprobieren, dann weiß ich ob es überhaupt ein „gutes Abendessen“ ist.

Jetzt muss ich erst mal das Fahrrad abholen. Bestellt habe ich ein eher einfaches Rennrad mit Shimano 105, Kompaktkurbel und mindestens 32er Ritzel hinten. Mal schauen was ich bekomme.

Da der Hürzeler seinen Bike Verleih seltsamer Weise diese Saison nicht geöffnet hat, probiere ich Free Motion. Die sind zwar in Puerto del Carmen, so dass ich zwanzig Minuten mit dem Auto hinfahren muss, aber egal, in den Corsa wird ja wohl ein Rennrad reinpassen.

Free Motion Bike Verleih in Puerto del Carmen

Free Motion erweist sich als sehr professionell in der Abwicklung. Der Laden ist auch schon etwas größer, und wie üblich kann man dort auch Kleidung und sonstigen Kleinkram kaufen. Im Mietpreis von 15,- € pro Tag ist leider keine Versicherung eingeschlossen, überrascht mich etwas, aber ich lasse sie weg, habe nicht vor hier zu stürzen und das Rad zu zerstören…

Das Fahrrad ist ein BH „Quartz“, wie versprochen mit Kompaktkurbel und 34er Kassette. Die Komponenten sind ein wilder Mix aus 105, FSA und Ultegra. Die Probefahrt ist OK. Da ich lange keine Felgenbremsen mehr gefahren bin, bin ich doch etwas überrascht wie schlecht die Ultegrabremsen auf den Shimano RS Felgen bremsen, aber für’s Training reicht’s. Das Quartz fühlt sich gegenüber dem Focus Mares, welches momentan ja mein einziges „Rennrad“ ist erstaunlich agil und leicht an. Wiegt aber trotz Carbonrahmen und Felgenbremsen 9,5 Kg, was wohl an den einfachen Felgen und Reifen liegt. Für das Training aber alles bestens.

Also kurz das Auto am Hotel abgestellt, und dann rauf auf’s Rad für eine kurze Installationsrunde. Der Wind bläst heftig aus Nordost, selbst für Lanzarote Verhältnisse. So kann ich mich gleich mal an das Gewöhnen was mich die nächsten Tage hier erwartet.

Ich fahre erst mal von meinem Stützpunkt Costa Teguise in Richtung Norden. Die Strecke ist mir durch meine häufigen Aufenthalte hier in den letzten Jahren ja ganz gut bekannt. Ich muss trotzdem nochmal neu ordnen wie die ganzen Ortschaften heißen und so weiter, aber das geht schnell.

Das Fahren ist allerdings das Gegenteil von schnell. Ich will ja nur so ein bisschen G1 rollen, also so um 190 Watt. Ich überlege bis Orzola an der Norsspitze zu fahren, aber das könnte etwas zu spät sein, denn um 18 Uhr wird es dunkel, und hier so nah am Äquator recht rapide.

LZ-14 von der Costa Teguise in Richtung Inselmitte
Fahrradstraße parallel zur LZ-1

Ich fahre die Fahrradstraße parallel zur LZ-1, die endet vor Guatiza, ich fahre dann aber nicht durch den Ort, sondern direkt auf die LZ-1 und arbeite mich am heftigen Gegenwind ab. Der pfeift laut am Ohr. Das BH Quartz schlägt sich ganz gut, aber durch den Wind komme ich nur langsam voran. Bei Arrieta überlege ich kurz, ob ich einen Cappuccino trinken, und dann zurückfahren soll, entschließe mich aber weiterzufahren. Wenn ich anderthalb Stunden gegen den Wind fahre, kann ich in einer Stunde die Strecke wieder zurück fahren, dann komme ich kurz vor 18 Uhr ins Hotel. Eigentlich etwas viel für eine Installationsrunde am Ankunftstag, aber irgendwie würde ich gerne Orzola erreichen.

LZ-! mit Blick auf Arrieta und die Nordostküste

Die Landschaft hier im Norden war das erste was ich von Lanzarote kennengelernt habe 2013. Da war ich etwas enttäuscht. Mittlerweile kann ich mit dem etwas rauen und kargen Charme der Insel, gerade hier im Norden, durchaus etwas anfangen.

Karge Vegetation in vulkanischer Landschaft

Vorbei an den Höhlen und dem kleinen Höhlensee mit den Albino Krebsen geht es weiter in Richtung Orzola. Das erinnert mich auch sofort wieder daran, dass fast alles hier, was für eine Sightseeing Tour interessant ist, mit Manrique zu tun hat. Eigentlich alles außer dem Vulkangebiet Timanfaya.

Mittlerweile verschwindet die Sonne hinter dem Famara Gebirge, und ich habe noch immer fast 5 Kilometer zu fahren. Aber jetzt ziehe ich es durch. So kämpfe ich mich gegen den Wind bis zum Ortsschild von Orzola und kehre dann um. Für einen Kaffee bleibt keine Zeit oder ich muss im Dunkeln zurückfahren, was ohne Licht etwas blöde wäre.

Blick auf die Norsspitze und Orzola

Die ersten Kilometer kommt der Wind noch von der Seite, aber dann habe ich ihn schön im Rücken, und das Rad läuft. Es ist schon ziemlich geil mit heftigem Rückenwind zu fahren, mal schauen ob meine Rechnung mit der Stunde aufgeht.

Auch wenn es langsam schon fast dämmrig ist, scheint mein Plan aufzugehen, trotz G1 Bereich fahre ich ein ordentliches Tempo, und auch die kleinen Anstiege werden durch den Rückenwind entschärft. So habe ich bald wieder Arrieta erreicht und nach einem kleinen Anstieg kurze Zeit später auch die Fahrradstraße. Hier ist das fehlende Rücklicht kein Problem, da praktisch kein Verkehr herrscht.

Mittlerweile ist es mir für eine Installationsfahrt fast ein bisschen viel, vor allem da ich kaum was gegessen habe, aber bin ja bald im Hotel.

Da sehe ich ein kleines rotes Rücklicht vor mir. Und keine Chance vernünftig zu bleiben, den muss ich mir doch noch schnappen. So trete ich etwas kräftiger in die Pedale, und arbeite mich erst langsam, dann immer zügiger an das rote Licht heran.

Schließlich sind es nur noch wenige Meter. Ja ein Rennrad, aber wtf mit Motor?! E-Rennra.. Ob der auch nur bis 25 km/h unterstützt wird, was macht das aber für einen Sinn beim Rennrad? Und wie will man hier den Gegenwind genießen wenn man den einfach mit einem Schalter ausschaltet? Andererseits könnte man, unabhängig von Wind und Gelände seine Leistung sehr genau dosieren, für strukturiertes Training also nicht schlecht.

Anyway, ich ziehe flott vorbei, und muss kurze Zeit später feststellen, dass ich durch die Jagd auf das rote Licht meine Abfahrt verpasst habe. Mist, ich wollte doch schön mit Rückenwind ins Hotel zurückbrausen, jetzt muss ich bei Tahiche nochmal gegen den Wind berghoch fahren.

Also nochmal 10 Minuten anstrengen, dann kann ich aber zumindest mit Seitenwind bergab fahren, und schließlich noch anderthalb Kilometer mit Rückenwind ins Hotel zurück segeln.

Abends löst sich dann mein HP Problem recht schnell, denn das Essen ist außergewöhnlich schlecht. So muss ich hier wirklich keine Entscheidung treffen, sondern verzichte dankend und gehe wie gewohnt da essen, wo man auf’s Meer gucken, und in Ruhe an den Blogposts schreiben kann. Hoffentlich ist das Frühstück besser…

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