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Ultracycling und Alpenpaesse

Tokyo – Tag 3

Auch wenn ich mich um 18 Uhr gestern schlafen gelegt habe, so sind bis heute morgen doch nur gut drei Stunden Schlaf zusammengekommen. Anyway, etwas gejetlagged geht‘s zum Frühstück. Miso Soup und Reis, frischer Salat, das japanische Frühstück gefällt mir. Es gibt aber auch anderes. Das Frühstücksbuffet ist wirklich ok.

Es regnet. Bis jetzt habe ich noch kein Stück blauen Himmel über Tokyo gesehen. Ist mir aber egal, ich fahre mit der U-Bahn nach Shibuya. Hier gibt es eine der berühmtesten Kreuzungen der Welt. Als ich aus der Metro rauskomme, stehe ich erst mal an einer riesigen Baustelle. Aber das ist zum Glück die andere Seite, die Kreuzung gibt es also noch. Allerdings ist das ein schönes Beispiel für die unglaublich Verdichtung, die hier auch die Verkehrsführung für Fahrzeuge und Fußgänger betrifft. Viele Hauptverkehrsadern sind mehrstöckig geführt, und auch die Fußgänger laufen teils auf Gallerien. Alles gesäumt von riesigen Hochhäusern. Im jetzt heftiger werdenden Regen und bei böigem Wind mache ich mich auf den Weg zur „Shibuya Kreuzung“.

Es gibt verschiedene Locations von wo man das Treiben auf der Kreuzung gut beobachten kann. Die Kreuzung ist für Tokyo ungefähr das, was Picadilly Circus für London ist. Während man Picadilly am besten vom 2. Stock des Burger King beobachtet, ist es hier der 2. Stock des Starbucks.

Die riesige Schlange am Schalter im Erdgeschoss spare ich mir, indem ich am Außenschalter meinen Kaffee kaufe und mit in den 2. Stock nehme. Natürlich ist das der beliebteste Aussichtspunkt und in jedem Reiseführer empfohlen, trotzdem habe ich Glück und ergattere eine brauchbaren Platz am Fenster.

Ich mache einen weiteren Versuch mich etwas ins Schreiben zurückzufinden. Es scheitert nicht so kläglich wie die ersten Versuche, aber der Text holpert schwer vor sich hin, die Bilder im Kopf fließen nicht.

Aber dafür kann ich das Treiben auf der Kreuzung nebenbei beobachten. Und obwohl jetzt keine Hauptverkehrszeit ist, und es regnet, ist doch genug los, um einen Eindruck zu bekommen. Durch die vielen Regenschirme hat es sogar eine interessante Note.

Das besondere an der Kreuzung ist, die Ampelschaltung, erst fahren die Autofahrer Ost/West, dann die Autofahrer Nord/Süd und dann haben alle Fahrzeuge rot und alle Fußgängerampeln sind gleichzeitig grün. Da der Ausgang einer vielgenutzten U-Bahn Station direkt an der Kreuzung liegt und die Fußgänger, wie hier in Tokyo nicht unüblich, auch einen diagonalen Zebrastreifen haben, ist bei Grünphasen die gesamte Kreuzung voll mit Menschen, die in unterschiedliche Richtungen unterwegs sind.

Das sieht schon cool aus. Und wenn man es aus etwas erhöhter Position betrachtet um so mehr. So kämpfe ich mit meinem Text und beobachte dabei immer wieder das Treiben auf der Kreuzung. Irgendwann habe ich genug und wechsle vom Starbucks ins L‘Occitane Cafe. Das ist etwas auf edel getrimmt und entsprechend teuer. Allerdings ist das kleine Snackmenue, dass ich mir gönne preislich noch im Rahmen. Die Suppe sensationell gut und der Tee excellent.

Hier halte ich mich nicht ganz so lange auf, sondern gehe noch ins Kaufhaus Magnet. Das ist selbst angeblich schon eine Sehenswürdigkeit, was ich nicht ganz nachvollziehen kann. Aber es hat auch noch eine Plattform auf dem Dach, von der aus man einen Blick von ganz oben auf die Kreuzung hat. Trotz des stärker gewordenen Regens zahle ich die 300 Y für die Plattform, und komplettiere so mein Shibuya Kreuzung Erlebnis.

Nicht allzu weit von der Kreuzung entfernt, liegt übrigens der Gitarrenladen Nico Nico Guitars. Der eigentliche Grund für meine spontane Tokyo Reise. Auf ebay hatte ich nämlich eine Gitarre entdeckt, die ich aus nostalgischen Gründen gerne gekauft hätte. Die Versandkosten waren aber so hoch, dass ich mir überlegt habe sie einfach vor Ort abzuholen. Das nach der Buchung von Flug und Unterkunft mein RAAM geschädigtes Budget mehr als aufgebraucht war ist eine andere Geschichte.

Nun, auch ohne echte Kaufabsicht mache ich mich aber trotzdem auf den Weg zu Nico Nico Guitars. Das Viertel ist eher nobel. Einige Luxusgeschäft, eher hochpreisig anmutende Wohnhochhäuser. Da ist es nicht unpassend, wenn sich Nico Nico Guitars als Vintage Händler für Edel E-Gitarren präsentiert. Man findet zwar keine 58‘er Standard oder pre CBS Strats, aber viele gebrauchte Custom Shop Gitarren, Vintage Reissues von Fender und Gibson, und einiges mehr.

Ich bewundere die Strat-, Tele und Les Paul Sammlungen, und finde tatsächlich das Objekt meiner Begierde. Eine Ibanez Steve Lukather aus den 80ern. Sie sieht auch richtig gut aus. Beim Antesten stellt sie sich aber nicht gerade als besonders guter „Player“ heraus. Das ist mir den Preis dann doch nicht wert. Aber schön, dass ich sie mal spielen konnte.

Mittlerweile regnet es heftig. Ich beschließe trotzdem zum Tokyo Tower zu fahren. Allerdings bin ich hier jetzt recht weit von der nächsten U-Bahn Station weg. So beschließe ich Bus zu fahren. Das System scheint weniger kompliziert als in London, aber es gibt kaum Stationsnamen oder Infos in lateinischer Schrift. Hm.

Mithilfe des iPhone Navis ermittle ich immerhin die Buslinie. Den Namen der Zielstation gibt‘s aber nur in japanischer Schrift. An der Haltestelle, kann ich aber durch Vergleichen meine Zielstation identifizieren und die Haltestelle abzählen. Also an der 7. Haltestelle aussteigen, das sollte doch klappen.

Die Taktung ist hier nicht so eng wie in der U-Bahn, aber pünktlich nach einer viertel Stunde Wartezeit kommt tatsächlich ein Bus. Der ist erstaunlich klein. Während der Teil für den Fahrer schon ein Drittel des Platzes einnimmt gibt es noch drei Plätze für Behinderte und knapp 8 für die restlichen Gäste.

Interessant, hatte ich mir aber anders vorgestellt. Der Bus fährt auch ziemlich durch die Peripherie. Außerdem sehen die japanischen Schriftzeichen der anvisierten Stationen und der tatsächlich Stationen sehr unterschiedlich aus. Spätestens als die 7. Station erreicht ist, wir völlig woanders sind als gehofft, muss ich einsehen, dass ich wohl im falschen Bus sitze.

Also aussteigen und nächster Versuch. Es stellt sich raus, das war nicht die 88 sondern ein Community Bus, was immer das auch ist. So stehe ich also erst mal im irgendwo. Kleine Stadrundfahrt in Higashi…

Da die nächst Metro Station nicht so arg weit weg ist, fahre ich lieber wieder U-Bahn. Der Weg von der Metro zum Tokyo Tower ist durch den heftigen Regen etwas unangenehm, aber der Turm entschädigt für alles. Eine klare Hommage an den Eiffel Turm in Paris, erhebt er sich im diesigen Wetter vor mir.

Ein fantastisches Konstrukt. Faszinierend, dass Gebäude sympathisch oder unsympathisch sein können. Ich bin sofort verliebt. Standort, Bauweise, historischer Hintergrund, Zustand und natürlich die zu erwartende Aussicht, ein perfekter Turm, ich kann es nicht erwarten mir erneut die Stadt von oben anzuschauen.

Der Tokyo Tower ist zwar nach der Erfahrung des Tokyo Skytree gestern „nur“ 333 Meter hoch, also niedriger als die untere Plattform des Skytree, aber er ist immerhin der höchste freistehende Stahlturm der Welt und etwas höher als der Eiffel Turm.

Außerdem steht er auch für vieles was Japan, die moderne japanische Kultur und die Japaner ausmacht. So ist der Eindruck einfach stimmig mit der Atmosphäre der Stadt und der Art und Weise wie ich die Japaner hier erlebt habe.

Da es jetzt recht stark regnet und die zweite Plattform in Wolken gehüllt ist, kaufe ich nur das Ticket für die erste Plattform. Und obwohl die Fernsicht durch das Wetter natürlich eingeschränkt ist, so ist es doch fantastisch den Blick auf die Stadt vom Tokyo Tower aus zu genießen. Es hat etwas ganz besonderes hier oben zu sein. Und ich genieße es außerordentlich. Nachdem ich in Paris schon halbe Tage auf dem Eiffel Turm verbracht habe, bleibe ich auch hier lange.

Zwischendurch gibt‘s einen Käsekuchenstick und einen Kaffee und ich versuche wirklich meine Begeisterung durch den Kauf eines Souvenirs auszudrücken, aber Nippes bleibt Nippes. Mit einem albernen Plastikturm kann man nun mal dieses erhabene Gefühl über der Stadt nicht mit nach Hause nehmen…

Anyway, auch hier reiße ich mich schließlich los. Klar ist, dass ich mindestens einmal noch hierher kommen werde, wenn das Wetter etwas besser ist. Oder abends oder beides, whatever.

Da direkt am Turm der Shiba Schrein und der zugehörige Park gelegen ist, nutze ich die Gelegenheit trotz des Regens. Außerdem gibt es von dort nochmal ein paar spannende Bilder mit dem Kontrast aus Tradition und Moderne.

Neben den interessanten Gebäuden und dem, im Regen etwas anstrengenden aber schönen Park, gibt es hier eine schier endlose Reihe von Statuen von Kindgottheiten mit den roten Strickmützen. Religion ist und bleibt crazy. Andererseits messen Wissenschaftler die kulturellen Fähigkeiten früher Menschen gerne an der Fähigkeit zu kultischen und rituellen Handlungen. Auch in dieser Hinsicht ist Japan eindeutig eine Hochkultur…

Völlig durchnässt fahre ich mit der Metro zurück ins Hotel. Da ich den Kampf gegen meine Schwierigkeiten mit der Zeitverschiebung aufgegeben habe, lege ich mich gleich Schlafen mit dem Wissen die Nacht wach zu sein, und beschließe morgen früh um 5 Uhr zum Fischmarkt zu gehen.

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