steilberghoch

Ultracycling und Alpenpaesse

Silvretta Hochalpenstraße – Ostanfahrt

Nach einem Jahr 2019 über das ich nur schweigen kann, und einem Jahr 2020 in dem ich wieder auf’s Rad zurückkehren wollte, was aber nicht so richtig geklappt hat, habe ich irgendwann 2021 beschlossen, dass 89 Kg zu viel ist, und habe angefangen radzufahren um etwas abzunehmen. Dabei konnte ich sehr schnell feststellen was mir natürlich sowieso klar war, dass ich mich mit viel Radfahren sehr wohl fühle, ohne Radfahren aber schlecht.

Es wäre sicher interessant gewesen, die Leistungsfähigkeit genau zu bestimmen um zu schauen wie schnell man von Ultraausdauer auf Normalmaß schrumpft und sogar noch daurnter. Aber eine Leistungsdiagnostik um festzustellen, wie desolat mein Zustand eigentlich ist, wäre nicht möglich gewesen, weil ich mental die Kraft bis zur Ausbelastung zu fahren nicht hatte. Aber ich wollte sowieso nicht trainieren, sondern nur einfach viel Radfahren und schauen was passiert, deshalb war eine genauere Kenntnis der Trainingsbereiche fast egal. Und so grob habe ich das recht gut im Gefühl.

Corona hat mir noch einen Zweitjob beschert, so dass ich in meiner verfügbaren Zeit etwas eingeschränkt war, aber trotzdem habe ich es geschafft mich dann im Juli bis auf deutlich über 1000 Kilometer pro Monat zu steigern. Allerdings wie gesagt keine Trainingskilometer, sondern einfach Touren (zu 99% mit einem billig MTB).

Irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Körper schon noch ein bisschen Gedächtnis hatte und die Grundlage etwas zurückkommt. Insgesamt habe ich seit Juni über 8 Kg abgenommen, das Essverhalten hat sich massiv verbessert, das Wohlbefinden auch. Allerdings, berghoch fahren klappte noch nicht so richtig gut. Die kleineren Anstiege in meinem Heimatradrevier habe ich auch bis August noch nicht vernünftig hochfahren können, einen Alpenpass mit Würde hochzufahren schien völlig unmöglich.

Aber das steilberghoch Fahren ist es, was mir soviel gegeben hat, sodass ich es einfach trotzdem wagen wollte. Sozusagen als letzter Kick, um wieder eine Beziehung zum Radfahren herzustellen.

Da ich sowieso große Lust hatte mit Marco mal wieder einen schönen Radtag zu verbringen, habe ich ihn gefragt ob er mich begleitet, und er war auch sofort dabei.

So haben wir uns gestern in München getroffen und sind heute morgen nach Landeck gefahren. Ich hatte mir nämlich die Silvretta Hochalpenstraße, auf die Bieler Höhe hinauf, als Ziel ausgesucht. Die ist einerseits über lange Abschnitte nicht so steil, denn Steigungen über 8% scheinen mir im Moment kaum machbar mit dem Rennrad, andererseits aber recht lang, so um die 40 Kilometer, denn Länge geht ja bei mir immer… 😉

Morgen wollen wir dann eine Runde fahren, über den Arlbergpass bis Bludenz und von dort über die Bieler Höhe zurück. Für heute haben wir uns zum Einfahren die Ostseite der Silvretta Hochalpenstraße ausgesucht (Hin und zurück). Die startet eigentlich in Pians (zumindest aus Sicht der Rennradfahrer), aber da habe ich so spontan keine online buchbare Unterkunft gefunden, deshalb sind wir nach Landeck ausgewichen, was aber auch ein beliebter Startpunkt für die Strecke ist, denn von dort an geht es schon immer berghoch.

Nach dem Checkin im Hotel in steigen wir direkt auf’s Rad. Die Radhosen hatten wir schon an, so dass wir trotz Anreise um 15 Uhr auf dem Rad sitzen.

Normalerweise ist das für mich die Zeit um zu Duschen, das Laptop zu schnappen und den Radtag Revue passieren zu lassen. Heute aber ist es eben anders, und ich freue mich, dass ich überhaupt den Mut gefasst habe mal wieder einen Alpenpass anzugreifen. Nach über drei Jahren! Eins davon komplett ohne Sport, zwei weitere ohne jegliches strukturiertes Training. Ein bisschen ein komisches Gefühl.

Die Strecke von Landeck bis zum Beginn der Hochalpenstraße führt zunächst über die Bundesstraße 171, was sich in regem Verkehr bemerkbar macht, aber alles bleibt im Rahmen, mit dem Rennrad ist die 171 in diesem Abschnitt gut zu fahren.

Die Laune ist gut, das Wetter zum Radfahren top, es weht sogar leichter Rückenwind, und so erreichen wir Pians recht flott. Die Beine funktionieren ganz gut – eigentlich ist es traumhaft schön, mitten in den Alpen mit dem Rad unterwegs zu sein.

Auf dem Weg nach Pians, die ersten Alpenkilometer anch über drei Jahren

Zwar habe ich noch nicht ganz wieder dieses emotionale Bindung zu der alpinen Bergwelt wie in den Jahren zuvor, in denen ich soviele Pässe wie möglich im Jahr gefahren bin, aber es bieten sich immer wieder schöne, teils auch recht spektakuläre Ansichten, die ich auch als solche wahrnehme.

Schon die Auffahrt nach Pians ist eine schöne kleine Rampe, und in Pians wechseln wir dann auf die 188. Hier beginnt auch die Ausschilderung der Silvretta Hochalpenstraße, wir fahren jetzt nicht mehr am Inn entlang (den man von der Straße sowieso nicht sieht), sondern es geht zunächst an der Sann, dann immer an der Trisanna entlang durch das Paznauntal.

Die Trisanna hat auch der mächtigen Eisenbahnbrücke den Namen gegeben, welche wir unterqueren, und die mit der Burg Wiesberg ein beeindruckendes Ensemble bildet.

Die Steigung ist zunächst moderat, teils geht es sogar wieder bergab, dann folgt allerdings der erste längere Tunnel mit anschließender Lawinengallerie. Das ist schon recht ätzend zu fahren, vor allem wenn Autoverkehr herrscht, denn die Lautstärke ist dann enorm, und das in recht unangenehmer Art.

Aber mittlerweile sind wir eingefahren und lassen den Tunnel recht flott hinter uns. Bald erreichen wir den Ort See. Auch hier bleibt die Steigung moderat. So gewinnen wir zwar langsam an Höhe, müssen dafür aber eine recht weite Strecke zurücklegen. Dabei durchqueren wir verschiedene Orte, nur selten gibt es vor oder im Ort mal eine steilere Stufe zu überwinden. Zudem werden wir vom mittlerweile recht kräftigen Rückenwind angeschoben.

Der untere Teil der Ostanfahrt auf die Bieler Höhe gestaltet sich eher idyllisch und unspektakulär, aber sehr schön. Es ist sonnig und nicht zu warm, tolles Radfahrwetter.

Nach einer ganzen Weile erreichen wir Ischgl. Hier dreht sich der Wind, und statt kräftigem Rückenwind haben wir nun heftigen Gegenwind. Das addiert gleich mal 2% virtuelle Steigungsprozente auf die immer noch meist moderate Steigung.

Nach einigen weiteren Tunneln und Ortschaften, fährt dann jeder ab dem Ort Galtür sein eigenes Tempo, so dass ich nun alleine im Wind die Landschaft genieße.

Die Sonne steht mittlerweile recht tief, so dass sie oft hinter den Bergen verschwindet, und es auf der Strecke im Schatten mit dem Gegenwind schon recht kühl wird. Die Steigung zieht leicht an, aber noch kann ich ganz gut dosieren. Wir waren sowieso nicht auf Rekordjagd, eine besonders gute Zeit kann ich für die Strecke also nicht erwarten, und so bleibe ich recht vernünftig und versuche etwas zu haushalten, denn gegen Ende wird es ja nochmal steil. Für mich geht es heute nur darum oben anzukommen.

Die Landschaft verändert sich nun deutlich, es gibt nur noch wenig Bäume, es kommen kaum Ortschaften mehr, und das Tal verengt sich. Nach einer Engstelle wird die Landschaft regelrecht karg, und jetzt zieht die Steigung deutlich an, 10% oder auch 11%. Noch gibt es aber kleine Abschnitte zur Erholung.

Ich merke, dass zweistellige Steigungsprozente noch zu viel sind für meinen Trainingszustand. Dabei sind es heute gar nicht die Beine, sondern es ist die Lunge die die Leistung begrenzt. Die Lunge brennt, hatte ich letzte Woche auch schon, vielleicht habe ich ja auch einen leichten Infekt? Anyway, ich bin froh, als die Strecke kurz abflacht.

Dann zieht die Steigung aber an und es bleibt steil. Die Straße wird zum Glück in Serpentinen geführt, so dass ich nach den Rechtsserpentinen kurz Rückenwind habe, was einen Hauch Entlastung bringt.

Die steile Straße (bis 12%) senkt meine Trittfrequenz auf 60. Was hatte ich vorhin noch von Würde geschrieben? Ich versuche etwas dagegen zu halten, aber die Lunge brennt wirklich deutlich.

Ich habe jetzt schon deutlich über 40 Kilometer auf dem Radcomputer stehen. Im Kopf hatte ich 42 Kilometer für die Strecke, aber da habe ich mich verschätzt, die 42 Kilometer waren ja von Pians aus zu rechnen, von unserem Hotel in Landeck sind es dann letztlich 49 Kilometer.

Mittlerweile habe ich sehr zu kämpfen. Jedes Training hätte ich jetzt abgebrochen, hier am Berg muss ich mich einfach durchkämpfen und weiterfahren. Ich will ja oben angekommen. Und so sammle ich meine Kräfte, ignoriere das Brennen in der Lunge und Kämpfe mich nach oben.

Motivation ziehe ich aus den ersten Blicken auf die Gebäude der Bieler Höhe. Noch muss ich aber alle Kräfte zusammennehmen um auch wirklich dort oben anzukommen. Wie ich jemals den Glockner unter 1:45 h hochgefahren bin ist mir völlig schleierhaft. Auch wenn mein Material jetzt nicht gerade für die Berge optimiert ist, der Hauptunterschied ist wohl, dass ICH momentan nicht für die Berge optimiert bin…

Dann sind aber endlich die letzten Meter erreicht. Ich fahre bis zum höchsten Punkt, drücke die Runde am Radcomputer ab, und rolle weiter bis zur Staumauer. Dort gibt es ein Passschildfoto ohne Passschild (das steht schon wieder ein Stück bergab in Richtung Westanfahrt). Aber der Stausee bildet auch einen schönen Hintergrund.

Leider hat fast die gesamte Gastronomie jetzt um halb sechs geschlossen, so dass es mit einem Cappuccino zur Belohnung nichts wird. Aber es ist eh recht frisch. So mache ich mich nach kurzem Durchschnaufen und ein paar Fotos auf den Rückweg. In den Serpentinen treffe ich auf Marco und wir rollen zusammen wieder zurück nach Landeck.

Die Zeit bergauf von Landeck aus liegt mit 2:35 h im Rahmen, von Pians waren es 2:17 h. Es war schon richtig sich so eine vermeintlich eher leichte Herausforderung zu suchen. Längere Abschnitte als hier, mit zweistelligen Steigungsprozenten, kann ich momentan wohl kaum bewältigen. Ich hoffe, die Straßenbauer wussten das beim Bau der Anfahrt von Bludenz aus auch, und haben das entsprechend berücksichtigt.

Insgesamt bin ich aber schon ganz zufrieden. Ich bin einen Alpenpass hochgefahren und 40 Kilometer bergauf gefahren. Nach so einer Pause ein guter Wiedereinstieg.

Die Abfahrt zurück nach Landeck zusammen mit Marco zieht sich dann doch etwas in die Länge. Was bergauf ein Vorteil war, nämlich die moderate Steigung, bedeutet nun natürlich lange Strecken mit nur moderatem Gefälle und ordentlich Mittreten beim Abfahren.

Das macht natürlich trotzdem Spaß, aber ab Kilometer 30 reicht es mir langsam. Der Tag mit der Anfahrt von München war lang, es wird schon fast dämmrig, und es ist mittlerweile recht kühl, wobei es mir in der Jacke ganz unten im letzten Gegenanstieg wiederum zu warm ist. Aber auch die letzten Kilometer packen wir noch, und kommen recht zufrieden am Hotel an.

Ein klasse Radtag, den wir beide trotz großer Anstrengung genießen konnten. Ich bin jetzt wirklich heiß auf die etwas größere Runde morgen mit Arlbergpass Ostseite und Silvretta Westanfahrt. Ich habe allerdings auch großen Respekt davor, und hoffe, dass der Schlussanstieg morgen nicht zu brutal wird.

Das Fahrrad, das ich zum ersten mal mit in die Berge genommen habe, war im besten Sinne unauffällig. Kein Bergrad, aber für einen Alu Cyclocrosser mit dicken 28er Reifen war das Handling eigentlich ganz ok. Und da wir nicht auf Zeitenjagd oder im Wettkampf sind, ist das zusätzlich Kilo Mehrgewicht auch egal.

Jetzt bleibt nur noch uns mit gutem Essen wieder fit zu machen für morgen. Eine schöne heiße Suppe zum Aufwärmen und irgendwas mit Kohlenhydraten wäre wohl auch nicht schlecht… 😉

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