steilberghoch

Ultracycling und Alpenpaesse

Lanzarote Trainingslager Tag 9

Heute morgen sind die Beine gut, und so wie ich es mir gestern vorgenommen habe, werde ich heute zwei Einheiten fahren. Die erste nüchtern, so 2 bis 3 Stunden G1 und G2-Intervalle nach Gelände, und dann nach einem kleinen Carboloading das Gleiche nochmal auf dem Rückweg.

Das Famara Gebirge lasse ich heute aus, da findet eh eine Rally statt und einige Strecken sind zum Teil gesperrt. Stattdessen fahre ich nach Süden, aber mit dem gleichen Start in Richtung Norden wie gestern. Also zunächst gegen den Wind auf der LZ-1a nach Norden, dann über Teseguite zurück nach Süden bis Teguise, und von dort über die LZ-30 weiter nach Süden bis zum Abzweig nach Caleta de Famara.

Die Beine sind ok, und ich habe das Training bis jetzt ganz gut weggesteckt. Dabei haben meine Ausfahrten tatsächlich mehr Trainingscharakter als ich erwartet hatte. Einzig das linke Knie ist immer so ein bisschen an der Grenze zum Totalversagen, ich hoffe, dass es mir noch den ein oder anderen Rennradkilometer gönnt bis ich auf Elektro umsteigen muss.

Heute ist es zunächst wieder bewölkt und erstaunlich kühl, was ich als sehr angenehm empfinde. Ich bin immer noch perplex wenn mir Radfahrer und auch Rennradfahrer in langen Hosen und Jacken begegnen. Wenn man hier eine Jacke braucht, dann fährt man definitiv zu langsam…

In Famara komme ich diesmal ohne Umwege auf meine Lieblingstrecke und verfahre mich nicht. Noch spare ich mir G2 Intervalle, auch wenn sich die Strecke dafür anbietet, ich will erst mal schauen wie ich mit dem nüchternen Fahren zurechtkomme. Ich hatte tatsächlich gar nichts gegessen, weil ich zu faul war um für zwei Rühreier zum Frühstücksraum zu laufen. Auf dem Rad spüre ich aber nichts davon, alles fühlt sich normal an.

In Soo angekommen biege ich diesmal nicht gleich wieder ab zur Inselmitte, sondern fahre weiter bis La Santa, vorbei an dem großen Club, der ein beliebtes Ziel für Ausdauersportler ist. Hier finden auch Triathleten gute Trainingsmöglichkeiten. Für mich kam der bis jetzt nicht in Frage, weil er einerseits völlig ab vom Schuss liegt, viel zu weit im Süden, die Straßen dorthin teils unangenehmen Belag haben, und weil ich nicht 14 Tage in einer Clubanlage verbringen möchte. Aber vielleicht werde ich das doch irgendwann mal ausprobieren.

Heute fahre ich aber zunächst weiter zur Inselmitte in Richtung Mancha Blanca. Da es hier sowieso berghoch geht, fahre ich einige Zeit im G2 Bereich, die Beine fühlen sich gut an. Ich fahre durch den Ort La Santa, dann durch Tinajo. Dort ist auf einem Kreisel eine sehr beeindruckende Weihnachtsdekoration aufgebaut. Die würde ich gerne mal beleuchtet im Dunkeln sehen.

In Tinajo könnte ich wieder auf die LZ-67 fahren, durch den Timanfaya Nationalpark, aber zur Abwechslung fahre ich durch Tinguation weiter berghoch zur Inselmitte, und biege dann wieder auf die LZ-30 in Richtung Süden ab. Diesmal fahre ich also durch das Weinanbaugebiet mit Rückenwind. Auch hier gibt es gute Gelegenheit Anstiege im G2 zu fahren, zum Teil durch den Wind unterstützt mit hoher Trittfrequenz.

Ich überlege wie ich mein Etappenziel für’s Carboloading, sprich für Kaffee und Kuchen, Playa Blanca am besten erreiche. Eigentlich wollte ich parallel zur LZ-2 lang und flach fahren. Allerdings fühle ich mich so gut, dass ich mir, trotz Nüchternfahrt, den Weg über Femes zutraue. Die Strecke ist etwas kürzer, das würde mit der Zeit auch besser hinkommen, so dass ich nicht über die drei Stunden hinauskomme, bedingt aber eine recht steile Auffahrt hinauf nach Las Casitas Femes.

Durch den nach wie vor starken Passatwind, der auch heute klassisch aus Nordost weht, habe ich auf den flachen Teilen der LZ-30 immer ordentlich Speed um 45 Km/h drauf, bei lockerem Kurbeln im G1 Bereich. So beschließe ich den Weg über Femes zu nehmen, und am großen Kreisel mit den Plastikkamelen fahre ich mutig in den Anstieg hinein.

Die Beine funktionieren nach wie vor gut. Die Knie lassen mich einigermaßen in Ruhe, und so kann ich auch die steileren Abschnitte die, deutlich im zweistelligen Prozentbereich liegen, ganz gut absolvieren. Ich freue mich trotzdem über das Ortsschild von Las Casitas Femes, welches das Ende des Anstiegs signalisiert, und genieße dann die eher flachen Kilometer auf der Hochebene.

Vor Femes zieht die Steigung nochmal etwas an, dann geht es hinab in den supersteilen Abschnitt bis zum Kreisel, der die Straße in Richtung Las Brenas und Playa Blanca teilt. Da der erste 18% Abschnitt in einer 90° Kurve endet kann man kein Tempo aufnehmen, sondern bremst sich zunächst nach unten. Auf dem folgenden 12-14% steilen Teil verhindern langsame Autofahrer, dass es schneller wird. Ist mir aber egal, letztlich will ich nur heil herunterkommen, ab dem Kreisel in Richtung Playa Blanca kann ich dann einige Kilometer recht flott bergab mit Rückenwind fahren.

Playa Blanca ist wirklich das perfekte Ziel für das Ende der Nüchterneinheit. Nachdem man sich hierher gekämpft hat, entweder über Femes, oder über die sich lange ziehende LZ-2 (bzw. die Serviceroad daneben), ist man plötzlich in einer Oase der Ruhe. Hier scheint der Wind einfach genauso Pause zu machen wie die Radfahrer, hier scheint immer die Sonne, egal wie bewölkt es auf dem Rest der Insel ist, und man sitzt friedlich bei einem Cafe Cortado oder con leche an der Promenade und schaut auf das glitzernde Meer. Einfach traumhaft.

Ich gönne mir zwei Kaffee und einen frisch gepressten Orangensaft, und esse außerdem noch ein Chickensandwich. Das sollte für den Rückweg reichen. Ich mache noch ein schönes Foto um die daheimgebliebenen etwas neidisch zu machen, und dann setze ich mich wieder auf’s Rad.

Die Pause darf nicht zu lange sein, sonst fühlt es sich elend an wenn man wieder weiterfährt. Es geht aber einigermaßen, die ersten Meter fühlen sich die Beine etwas schwer an, aber schon am Kreisel auf dem ich auf die unbeschilderte Serviceroad neben der LZ-2 abbiege, hat sich alles normalisiert.

Nun geht es natürlich gegen den Wind, und ich fahre dementsprechend langsam. Die Strecke zieht sich erstaunlich lange, so hat man genug Zeit vor sich hin zu denken. Die Asphaltqualität ist ok, erst vor Yaiza wird der Asphalt für ein paar Kilometer wirklich schlecht.

Ich biege allerdings vor Yaiza nochmal in Richtung El Golfo ab. Auf den Schildern spiegelt sich zunächst die Sperrung der Straße, auf die ich gestern von der anderen Seite gestoßen war, nicht wieder. Aber man kann nur an der großen Saline vorbei fahren und dann noch ein bis zwei Kilometer, bevor auch von dieser Seite aus die Straße gesperrt ist.

Ich drehe an der Sperre um und fahre wieder zurück bis zum Kreisel, rumpele auf der wirklich schlechten Straße bis Yaiza, und fahre dann durch den schönen Ort auf die LZ-67. Damit also das erste mal durch den Timanfaya Nationalpark in Richtung Norden und mit Gegenwind.

Der erste Teil der Strecke bis es hinunter zur Einfahrt geht, zieht sich erstaunlich lange. Die beiden Male, als ich die Tage hier entlang gefahren bin, war das immer mit Rückenwind bergab, jetzt mit Gegenwind bergauf muss ich logischerweise erheblich mehr arbeiten.

Aber noch habe ich Spaß, die Beine sind ok, die Hände tun nicht weh, die Knie lassen mich meist in Ruhe. Sogar das Fahrrad scheint etwas besser zu schalten. Ich hatte gestern im Hotel noch den Schlauch gewechselt, konnte aber selbst im Wasserbad das Loch nicht finden, obwohl der Schlauch eindeutig die Luft nicht mehr gehalten hat. Da ich auch am Mantel keine Stelle finden konnte, wo ein Durchstich oder eine Beschädigung zu sehen gewesen wäre, hatte ich etwas Sorge, dass mir der Ersatzschlauch evtl. auch wieder platt geht. Das war aber bis jetzt nicht der Fall, dann wird’s auch halten.

Da Fahrrad ist eigentlich ok, den Rahmen würde ich auf jeden Fall wieder nehmen, auch der Lenker ist sehr angenehm, nicht so hart wie mein Alulenker am Focus Mares, dabei noch einigermaßen rund, was ich angenehm zu greifen finde. Allerdings ist die Schaltung einfach nicht in top Zustand, und das sollte man bei einer Miete von 225,- Euro eigentlich verlangen können.

Das Ding schaltet einfach nicht so, wie eine aktuelle 105 schalten kann und soll. Der Mechaniker bekommt es aber nicht besser hin. Ich bin allerdings sicher, dass die Kette auch zumindest an der Verschleißgrenze ist, auch das wirkt sich ja nicht positiv auf das Schaltverhalten aus. Ich habe nur keine Lust schon wieder zu Free Motion zu fahren, und es gibt sicher Radler, die mit dem Rad auch zufrieden wären…

So beschließe ich mit dem zufrieden zu sein was ich habe. Außerdem kann ich mich während der langen Ausfahrten herrlich über die Schaltung aufregen und habe die perfekte Ablenkung von der Anstrengung…

Nachdem ich in Gedanken mein nicht stattfindendes Reklamationsgespräch beim Bikeverleiher durchgespielt habe, habe ich nicht nur den Einlass zum Vulkanrestaurant, mit der, auch diesmal nicht vorhandenen, Autoschlange passiert, sondern habe sogar schon den allerletzten Abschnitt der LZ-67 erreicht und fahre hinein nach Tinajo.

Von hier fahre ich aber nicht die gleiche Strecke zurück, welche ich heute morgen genommen hatte, sondern über La Vegueta in Richtung Soo und Caleta de Famara. Am Ortsausgang von La Vegueta steht ein Auto links an einer Ausfahrt und wartet. Die Fahrerin scheint mich anzuschauen und wartet. Als ich näher komme entschließt sie sich, doch zu fahren. Ich denke zunächst sie will einfach neben mir fahren, da kein Auto entgegenkommt, wäre das kein Problem, etwas unhöflich, aber auch egal, macht mir nix. Aber sie fährt einfach direkt auf mich zu, sprich sie fährt frontal in meine Seite, ich schaffe es um Haaresbreite auf den steinigen Seitenstreifen auszuweichen, sonst hätte sie mich schlicht umgemäht.

Ich schaffe es geradeso ohne Sturz wieder auf den Asphalt und brülle sie an, da steigt sie voll in die Eisen, so dass ich ihr erneut nur um ein, zwei Milimeter nicht voll hinten drauf knalle, wieder muss ich in den steinigen Seitenstreifen. WTF! Sie hatte ihr erstes Missgeschick tatsächlich bemerkt (was ich ihr bei soviel Blindheit nicht zugetraut hätte), und wollte sich entschuldigen und hat mich dabei fast ein zweites Mal fast in einen brutalen Unfall verwickelt. Als sie mit heruntergelassener Seitenscheibe neben mir fährt und irgendwas entschuldigendes murmelt, (mittlerweile fahre ich wieder auf Asphalt, und bin nicht gestürzt) kann ich nichts sagen, ich bin so wütend und voll Adrenalin, dass alles was ich gesagt hätte, auch ohne Übersetzung mehr als beleidigend gewesen wäre. Soviel Dummheit und fahrerische Inkompetenz habe ich bis jetzt noch selten gesehen. Ich ignoriere sie um nicht auszuflippen.

Zum Glück fährt sie davon. Ich brauch ein paar hundert Meter um mich zu beruhigen, konzentriere mich dann aber wieder darauf, meinen G1 Bereich gegen den Wind zu halten. Zeitlich müsste es eigentlich ganz wie geplant hinkommen.

Nach der Fahrt durch Soo und Caleta de Famara arbeite ich mich die LZ-402 nach oben. Jetzt wird es doch recht warm. Die Getränke werden langsam knapp, und ich muss auch noch das Stück LZ-30 nach Teguise hinein gegen den Wind kämpfen. Das beschäftigt mich etwas, der Vorfall mit dem Auto ist vergessen.

Die LZ-402 zieht sich in diese Richtung immer wieder länger als gedacht, aber schließlich erreiche ich den Kreisel, und auch der nächste Abschnitt bis Teguise geht noch ganz ordentlich im G2 Bereich. Allerdings habe ich jetzt eigentlich auch langsam genug. Ich mag nicht am Ende nochmal berghoch gegen den Wind fahren, deshalb fahre ich den kleinen Umweg von Teguise aus wieder über Teseguite in Richtung LZ-1a. Dabei überholt mich eine Gruppe, ich schalte aber nicht schnell genug und kann mich nicht direkt dranhängen. Schnell haben sie 30 Meter Vorsprung. Ich versuche gegen den heftigen Wind nochmal ranzukommen, aber der Einsatz wäre zu groß. Schade, im Windschatten den letzten Abschnitt mit Gegenwind zu absolvieren hätte mir gefallen…

Aber auch so erreiche ich ganz komfortabel den Abzweig zur LZ-1a, denn es geht zwar gegen den Wind, aber bergab. Nun kann ich schön zurück ins Hotel segeln, zunächst mit vollem Rückenwind auf der LZ-1a, dann nochmal mit Seitenwind die LZ-14 hinunter und schließlich auf der wohlvertrauten Avenida de las Palmeras.

Ein klasse Radtag. Die Beine waren gut, die herrliche Pause in Playa Blanca war ein wunderbarer Moment, und ohne jede Schramme habe ich den massiven Doppelangriff einer Autofahrerin (mit einem offensichtlich wirklich schlechten Tag) überstanden.

Morgen gönne ich mir den zweiten Ruhetag. Ich muss jetzt erst mal einen Waschtag einlegen, mir gehen die Radklamotten aus.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

1 Kommentar

  1. Peter 13. Dezember 2021

    Zack da war es — das böse E-Wort.

Antworten

© 2022 steilberghoch

Thema von Anders Norén