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Ultracycling und Alpenpaesse

Tokyo – Tag 5

Nach dem intensiven Tag gestern muss ich heute mal eine Pause einlegen um die Eindrücke zu verarbeiten. Aber zumindest habe ich diesmal gut geschlafen, und noch dazu nachts.

So frühstücke ich gemütlich, mittlerweile mit Stäbchen, und schlendere dann ein bisschen durch die Gegend um einen guten Platz zum Schreiben zu finden. So lande ich im Excelsor Cafe, und diesmal klappt es mit dem Schreiben auch ganz gut.

Nach zehn Seiten wechsle ich die Location. Allerdings schaue ich mich vorher noch ein bisschen um hier in Akasaka. Eigentlich ein fantastisches Viertel, mit interessanten Hochhäusern, lebhaften Straßen, wo man gut und günstig oder gut und teuer essen kann, und natürlich gibt es auch hier, beim Sanno Park, eine kleine Tempelanlage.

Mein Interesse ist geweckt, und ich fange schon wieder an Kilometer um Kilometer zu machen, da kommt mir ein kleines, feines Cafe gerade recht. Auch wenn ich hier wieder japanisch niedrig sitze, so habe ich doch auch japanisch typisch Stromversorgung am Platz, so dass das mit dem Schreiben nicht am niedrigen Akkustand scheitern sollte. Tut es auch nicht. Es klappt genauso gut wie heute morgen.

Nebenbei geht mir auf, dass ich gerade als Deutscher in der Hauptstadt Japans in einem Cafe einer französischen Kette sitze und eine hervorragende italienische Focaccia esse. So geht Globalisierung.

Nachdem ich weitere zehn Seiten geschafft habe, laufe ich über kleine Umwege zurück zum Hotel. Ich bin immer noch sehr sehr beeindruckt von der Stadt. Eigentlich immer wieder auf‘s Neue. Denn einerseits ist sie riesengroß, andererseits gibt es so viele Details zu sehen schon auf kleinstem Raum. Fast jedes Gebäude, jede Straße bietet irgendetwas spannendes oder neues.

Ich nehme noch einen Cafe auf einem kleinen Kunstrasenforum for der „Blitz“ Halle. Ein riesiger Monitor spielt grelle Clips ab, der Cappuccino schmeckt aber gut. Die umgebenden Gebäude sind spektakulär. Das Gebäude gegenüber ist komplett verglast, so dass man den Angestellten beim Arbeiten zuschauen kann.

Ich versuche in einem Buchladen herauszufinden von was denn dieses oder jenes Buch wohl handelt, habe aber keine Chance. Von rechts nach links und von oben nach unten oder, in Zeitschriften, auch zeilenweise, die Sätze meist ohne Leerzeichen, mir scheint, für einen Deutschen wäre es wohl sehr schwer Japanisch und die japanische Schrift zu lernen.

Und wenn ich es richtig verstanden habe gibt es ja auch noch verschiedene Schriftsysteme und „Lesungen“. Vielleicht ist der sicher nicht einfache Lernprozess des Lesens und Schreibens der Grund dafür, dass viele Japaner anscheinend sehr sorgfältig arbeiten können und so fähige Ingenieure sind?

Anyway, nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel gehe ich doch noch mal auf Sightseeing Tour und fahre mit der Metro zum Rathaus. Wieder mal laufe ich an der Zielstation durch kilometerlange unterirdische Gänge. Der Tokyo Underground ist fast so faszinierend wie das Straßengewirr (das eigentlich gar kein Gewirr ist) über Grund.

Ganz Tokyo scheint ein riesiger komplexer, technischer Organismus zu sein, mit Wurzeln tief in der Erde und Spitzen bis zu den Wolken. Und wenn mir das etwas zu futuristisch, schwülstig klingt, um es tatsächlich hier hinzuschreiben, so ist mir beim ersten Blick auf das Rathaus klar, dass es genauso stimmt.

Das Ding ist der Hammer. Mehr Himmelspalast kann sich keine Stadtverwaltung der Welt dahinstellen. Ein Monster. Das größte Rathaus der Welt. Mit einer Milliarde Euro bestimmt auch mit das teuerste. Selbst zwischen den vielen hier in Shinjuku stehenden, spektakulären Bürohochhäusern ist das ein Statement.

Zwei mächtige Hochhaustürme mit einigen „Nebengebäuden“ drumherum, einfach nur krass. Selbstverständlich hat die Stadtverwaltung bis 21 Uhr geöffnet. Und die Besucherplattformen im 45. Stock sind ebenso selbstverständlich kostenlos.

Nach kurzer Sicherheitskontrolle, geht es wie gewohnt mit einem rasend schnellen Aufzug nach oben. Als sich die Fahrstuhltür öffnet, gibt sie den Blick nicht etwa auf eine kleine Aussichtsplattform frei, sondern auf eine riesige Aussichtshalle. Einfach geil.

Die großen Fenster bieten nochmal eine ganz andere Sicht auf die Stadt wie Tokyo Tower und Skytree. Man ist hier ja nicht so hoch wie auf den beiden berühmten Türmen, so dass sich die Details viel feiner auflösen.

Ich meditiere mich in die Aussicht in alle Himmelsrichtungen und mache sinnlos viele Fotos. Dann gönne ich mir eine Suppe und einen Kaffee. Nur um dann wieder und wieder die Stadt aufzusaugen. Auch von hier oben zeigt sich, das jedes einzelne Gebäude, jede Brücke individuell gestaltet ist, und interessante Ideen von Erbauer oder Architekt offenbart, manchmal sicher auch Geltungsbedürfnis… Trotzdem ergibt sich ein harmonisches Gesamtbild, ein Plan wird sichtbar, der es ermöglicht, dass hier Abermillionen von Menschen auf engem Raum zusammenleben und arbeiten.

Ich bleibe bis es dunkel wird um auch mal einen Eindruck von Tokyo bei Nacht zu bekommen. Durch die NTT Hommage an das Empire State Buildung sieht es in südwestlicher Richtung jetzt fast etwas „New Yorkisch“ aus.

Aber der nächtliche Blick auf Tokyo zeigt keine Kopie einer anderen Stadt, sondern ein faszinierendes funkelndes, leuchtendes Bild einer pulsierenden Metropole mit einer ganz eigenen japanischen Note.

Schließlich habe ich dann aber tatsächlich genug und schlendere zur U-Bahn. In Akasaka angekommen werfe ich noch einen Blick in so eine Spielhölle, wo die Japaner nach der Arbeit gerne ein paar Münzen in den Automaten versenken. Der Lärm ist unbeschreiblich, ich bin etwas konsterniert und mache, dass ich da wieder rauskomme.

Insgesamt wieder ein toller Tag, erstens konnte ich ein paar Zeilen schreiben, aber vor allem konnte ich meinen Höhenfetischismus nochmal an einer spektakulären Location befriedigen.

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